III. von der zukuenftigen Kleidung

Nach welcher Richtung hin diese Auffassung sich veredeln und sinnvoller werden soll, kann uns allein der nackte Körper lehren. Man betrachte eine Abb. wie 95. Stehen denn in diesem ebenmässigen Körper, der eine nirgends zerrissene, organische Einheit bildet, nicht die Gesetze geschrieben, denen die Kleidung folgen muss, die ihn umgeben soll? Kann man denn gar nicht begreifen, dass der Rumpf den eigentlichen Leib bildet, das Gefäss unseres Lebens, an das sich die Glieder als äussere Werkzeuge ansetzen und dass das die Kleidung nicht verläugnen darf, indem sie ihn mitten durchschneidet? Ahnt man denn gar nicht die herrlichen Möglichkeiten, die in diesem Bejahen des Körpers für die Kleidung schlummern?

Das ist beim schlanken mädchenhaften Körper das gleiche, wie beim reifen vollen Frauenleib, wie ihn Abb. 96 zeigt.


Abb. 95
 

Abb. 96

Die zunächst liegende, rein praktische Frage ist jetzt die: können wir den Grundgedanken der bisherigen Kleidung, das Korset, so reformieren, dass es vollkommen einwandfrei ist oder müssen wir die Tracht auf vollkommen anderer Grundlage aufbauen. Ich selbst bin schon aus einem rein propagandistischen Grunde gegen jede weitere Verwendung auch nur des Namens Korset, weil mit ihm unzertrennlich verbunden ist jene Vorstellung von dem Zerfallen des Körpers in zwei Teile: dem oberen und dem unteren, die an ihrer dünnsten Stelle durch die Taille verbunden sind, eine Vorstellung, die jeder organischen Auffassung Hohn spricht. Und ich betonte es schon mehrere Male: meiner Ansicht nach ist in unserer Zeit eine Besserung unserer Verhältnisse absolut nur zu erzielen auf einem Verstehenlernen des Körpers.


Abb. 97
 
Abb. 98 Abb. 99

In neuerer Zeit hat man viel von Reformkorsets gesprochen und nach dem alten Gesetz von Angebot und Nachfrage sind eine Menge Reformkorsets auf den Markt gekommen, ja schliesslich nennt sich jedes Korset ein hygienisches, wenn auch sein Verfertiger von plastischer Anatomie keine blasse Ahnung hat. Ich fange allmählich an, diese Reformkorsets als unsere schlimmsten Feinde zu betrachten, da sie ja doch nur den alten Unfug in neuem Gewande bringen und so diejenigen, die nach Erkenntnis streben, nur immer wieder in die Irre führen. Ich will nur eines unter vielen anführen. Die Doktorin der Medizin, Madame GachesSarraute, hat ein Buch über das Korset geschrieben, das recht viele gute und gutgemeinte Gedanken enthält. Aber der Verfasserin fehlt ebenso jede plastische Vorstellungsgabe und Schulung, dass sie trotz ihrer medizinischen Kenntnisse nicht zum Wesen der Sache dringt. Ich entnehme Abb. 98 ihrem Werke. Wenn es nicht so traurig wäre, wärs komisch: unter dieser Abbildung steht: femme normale avec le corset Gaches-Sarraute! Also solch ein Monstrum hält Mme. Sarraute für einen normalen Körper. Es ist direkt die Reinkultur der extremen Korsetfigur, wie man sich als abschreckendes Beispiel gar kein passenderes wünschen kann. Und so und ähnlich stehts mit den meisten Versuchen, die eben von vollständig falscher Voraussetzung ausgehen. Ich denke, ich brauche nach dem Vorausgesagten nicht mehr all jenen kindischen Einwänden zu begegnen, die für die Notwendigkeit des Korsets sprechen, weil der Körper der Frau ohne dasselbe keinen Halt hätte etc. Wir haben gesehen, dass diesen natürlichen Halt durch die eigenen Muskeln eben das Korset genommen hat. Aber selten ist die Muskulatur so degeneriert, dass sie sich durch Uebung nicht wieder entwickeln könnte. Natürlich werden manche Körper sich zuerst ohne Korset kaum halten können. Aber es ist ein uraltes Gesetz, dass sich durch Gebrauch der Körper und seine Muskeln entwickeln. Frisches Blut wird in die unterbundenen, blutleeren Gefässe strömen, wird sie neu ernähren, und in kurzer Zeit wird der Muskel so weit sein, dass er seinen Dienst wieder übernehmen kann. Fassen wir also die Frage, anstatt all die hunderttausend unlogischen Einwände zu widerlegen, lieber so: in welcher Weise können die Kleider der Frau befestigt werden, und ist dazu ein Korset notwendig.

Abb. 100 ist der durch einen normalen Körper gewonnene Umriss. In ihn hinein habe ich die Knochen gezeichnet, die geeignet sind, Last oder Druck auszuhalten, also beim Aufhängen der Kleidung in Frage kämen. Man erinnere sich alles dessen; was ich eingangs über die Notwendigkeit sagte, den Teil des Körpers vom Becken an bis über den Rippenkorb hinaus von jeder fest anliegenden Kleidung frei zu lassen. Ein loses Korset an dem unteren Teil des unteren Rippenkorbes Halt suchen zu lassen, ist aus einem sehr einfachen Grunde unmöglich. Der Rippenkorb und seine untere Basis sowie die Weichengegend dehnen sich im normalen Zustande bei jedem Atemzuge weit aus und ziehen sich beim Ausatmen wieder zusammen. Würde ein Kleidungsstück sich im eingeatmeten Zustande anlegen, so müsste es beim Ausatmen doch direkt bis auf die Hüften herabfallen, da der Körper dabei ja bedeutend an Volumen verliert. Würde es sich aber im ausgeatmeten Zustande fest anlegen, so wäre die Einatmung unmöglichr gemacht. Wäre es aber ein dehnbares Kleidungsstück, so würde die ungeheure Arbeitslast des beständigen Ausdehnens bei jedem Atemzuge auf Kosten der Atmungsmuskeln gehen. Der Laie hat keine auch nur annähernd hinreichende Vorstellung davon, welche Summen die Addition von kleinen aber immer wiederholten Arbeitsleistungen ergiebt.

Was in aller Welt kann denn überhaupt ein ganz loses Korset für einen ausdenkbaren Sinn haben? Als Wärmeschutz wäre jeder Wollstoff zweckmässiger, als Stütze für schlaffe Brüste Büstenhalter (siehe Seite 107), als Ausgleich für die zu stark sich ausprägenden Formen der Brüste jeder Faltenwurf; und dass es zum Tragender Kleidung nicht dienendarf, davon handelt das ganze Buch. Den Sinn, die Taille zu verengen, hat es nur, wenn es sich eng anlegt. Wenn es die Form des Körpers durchaus nicht verändert, kann es doch an dieser Stelle nur noch auftragen. Nun nenne man mir in aller Welt noch irgend einen Zweck, der das Korset unentbehrlich macht, ausser der blödesten, stumpfsinnigsten Gewohnheit.

Es ist ein Zeichen von Gesundheit, wenn die Sinne eines Menschen sofort auf eine dem Körper schädliche Einwirkung durch Unlustgefühi reagieren, und es ist durchaus kein günstiges Symptom, wenn sie es nicht mehr thun. Wenn einem ganz gesunden Menschen eine Speise widersteht, so kann er sicher sein, dass sie seinem Körper nicht zuträglich ist. Der Säufer hat diese Empfindung gegen den Alkohol verloren, da sein eigenes Prinzip, so weit es im Unbewussten liegt, auf Selbstvernichtung ausgeht. So ist auch einem ganz gesunden Menschen jede Beengung des Rippenkorbs sowie der darunter liegenden Weichteile unerträglich und ruft sofort Unbehagen hervor. Als Beispiel dafür kenne ich den ungewohnten Druck eines Gürtels am Radkostüm, der mir und anderen sofort Störungen des Wohlbehagens machte. Es sind Warnungssignale der Natur. Natürlich, will der Mensch sie nicht hören, so verklingen sie schliesslich. Nun aber liegen die anatomischen Bedingungen des Oberkörpers, soweit sie für das Atmen in Betracht kommen, für Mann und Frau für die Frage der Kleidung so gut wie gleich. Das Wort, die Frau hätte mehr Rippenatmung, der Mann mehr Zwerchfellatmung, betrifft in der Hauptsache schon einen zur Gewohnheit gewordenen Missstand. Die von der Natur gewollte Verschiedenheit kommt bei der Kleidung nicht in Betracht. Jede Frau wird sich, wenn sie sich recht besinnt, des Unbehagens erinnern, dass das erste Anlegen des Korsets ihr verursachte. Dann hat man ihr die tiefe. Weisheit gesagt: daran gewöhnt man sich -- und thatsächlich schwiegen nach einiger Zeit fruchtlosen Mahnens die Stimmen der Natur. Und man fühlt sich geborgen, grad so wie der Vogel Strauss sich vor dem Jäger geborgen fühlt, weil er den Kopf in den Sand steckt.

Es bleibt uns also nach allem Gesagten als einzig möglicher Anlegepunkt die Crista iliaca, der obere Rand des Darmbeins, wenn überhaupt ein Befestigen der Kleidung am unteren Rumpfe notwendig sein soll. Da könnte sich ein breiter Gürtel auflegen, wenn er nicht über den oberen Rand hinaufsteigt und so wieder, in Berührung mit der knochenlosen Weiche kommt. Doch muss man bemerken, dass diese Stelle ungefähr eine Handbreit tiefer sitzt, als man heute die Taille angebracht hat.

Wenn man nun erst von hier ab die Röcke beginnen, lassen würde, als von einem gewissen natürlichen organischen Halt auf dem Knochen, so wird man daraus schon erkennen, wie sehr; das die Grundlagen der gesamten Frauentracht umgestalten würde. Und doch bleibt wohl bei logischem Vorgehen keine andere Wahl, sobald wir überhaupt in Rock und Oberteil trennen.

Lassen wir den Rockrand auch nur ein wenig über den Knochenrand hinausgehen, so beginnt er, unbarmherzig in die ungeschützten Weichteile einzuschneiden. Thäte er es nicht, wo sollte er dann Halt finden? Er müsste sofort bis auf den Beckenknochenrand herabrutschen und auf diese Weise sich selbst die bezeichnete Stelle zum Aufsitzen suchen, so lange man es mit einem ganz frei entwickelten Körper zu thun hat.

Die Stelle in der Weichengegend, in der das Korset oder gar noch schlimmer, die Rockbünde ihren Halt finden, schafft die Frau sich erst künstlich langsam durch ihre Kleidung. Eingangs war des längeren davon die Rede, wie so gar nicht die Natur eine solche Form in ihren Plan aufgenommen hat, und im allge- meinen wird man besser thun, überhaupt auf die riskante Gegend der Beckenknochen als Stützpunkt für die Kleidung zu verzichten. Denn er ist nicht nötig.

Als zweiter Stützpunkt käme der Schultergürtel in Frage: Schultergürtel nennt man den knöchernen Ring, der von den beiden Schlüsselbeinen und den beiden Schulterblättern gebildet wird. (Siehe Abb. 100.) Er ist gemacht dazu, als Stütze einer Belastung zu dienen. Denn seine Knochen stehen breit vom Körper ab, und haben vier nach oben liegende Knochenflächen, die zum Tragen geschaffen sind. Thatsächlich dienen sie auch bei dermännlichen Tracht für die gesamte Kleidung zum Aufhängepunkt, da nicht allein der Leibrock und Ueberzieher auf ihnen hängt, sondern auch die Beinkleider mit ihren Trägern da ihren Halt finden. Es liegt auch nicht der geringste Grund vor, den Schultergürtel nicht auch für die Frauentracht zu verwenden.

Es haben sich dagegen allerdings immer Einwände gefunden, doch gehen diese von mangelhaften anatomischen Vorstellungen und von oberflächlichen Schlussfolgerungen aus. Geradezu rätselhaft ist es mir, wenn sogar hie und da ein Arzt dagegen spricht. Der Einwand, dass die Atmung dadurch gehemmt würde, ist falsch: Der Schultergürtel hat in seinen Eigenbewegungen mit der Atmung rein nichts zu thun, sondern er ist lediglich auf die Bewegung der oberen Gliedmassen, der Arme, hin aufgebaut. Im Gegenteil, man könnte sagen, der ganze Schultergürtel ist ein raffiniert ausgesonnenes System, Arme und Schultern von der Atmung vollkommen zu isolieren. Man kann das ja schon daraus erkennen, dass jede Eigenbewegung der Arme in keiner Weise mit der natürlichen (im Gegensatz zur künstlichen) Atmung korrespondiert.

Doch kann ich mir erklären, wie dieser Irrtum entstanden ist. Denke man sich eine Frau, deren unterer Rippenkorb bis zur Basis durch ein Korset zusammengehalten wird und bei der auch die Zwerchfellatmung unterbunden ist. Diese ist gezwungen, um Überhaupt zu atmen, die Ausdehnung ihres obersten Rippenkorbes mit allerhand Mitteln zu steigern. Zu diesen Mitteln gehört auch das Nachluftschnappen, wie es sich unter anderm im ruckweisen Heben des Schultergürtels kundgiebt. Eine solche Bewegung mag einzelnen Teilen der Bewegungsmuskeln der oberen Extremität ermöglichen ausnahmsweise einmal von dieser aus den Brustkorb zu bewegen, anstatt umgekehrt, und dadurch wird ein gewisses Unterstützen einer krampfhaften Einatmung erreicht. Dass das mit normaler Atmung rein nichts zu thun hat, weiss jeder, der mit der Materie nur ein wenig vertraut ist. Beim normalen Tiefatmen wird das Acromion weder hinauf noch hinabgezogen, sondern der ganze Schultergürtel bleibt in seiner Ruhelage. Das einzige, was durch ein Mitverteilen der Kleider auf die Schultern belastet wird, sind die Nackenmuskeln, aber die sind durchaus dazu da und eine Uebnng derselben kommt dem Körper nur zu Gute. Dass man natürlich, wenn man noch nie in seinem Leben diese Muskeln geübt hat und nun mit einmal von ihnen ein solches Minimum von Arbeitsleistung verlangt, in ihnen zuerst Müdigkeit spürt, ist selbstverständlich. Aber es ist durchaus nur ein Vorzug, wenn durch solche Anstösse die Frau endlich einmal gezwungen wird, ihre Muskeln gebrauchsfähig auszubilden, und mit der Atmung hat diese Müdigkeit gar nichts zu thun. Wie sehr überhaupt die Behauptung so vieler Frauen, sie könnten auf den Schultern keine Kleider tragen, eine Ausrede ist, sieht man schon an der Thatsache, dass jede Frau, wenn sie müde ist und es sich einmal zu Haus bequem machen will, das Korset ablegt und ein Negligee anzieht, das stets und lediglich von den Schultern getragen wird. Dies Negligee ist dann oft von schwerer Seide, verziert mit allem möglichen und gar nicht immer leicht; hier denkt sie aber nicht daran und es geht. Genau so könnte sie immer ihre übrigen Kleider auch tragen, wenn sie ihrem Körper die Wohlthat erwiese, seine Muskeln in Stand zu halten. Wenn eine Frau ein Kleid nicht mehr auf den Schultern tragen kann, so ist sie krank. Wie soll sie dann erst die Folgen eines Korsets ertragen, die tausendmal mehr den Körper belasten.

Aber da kann sie es. Sie kann auch einen kostbaren Pelz auf den Schultern tragen, wenns drauf ankommt. Ueberhaupt, wie stellte sich die Frage vor der Erfindung des Korsets?

Dass für pathologische Einzelfälle orthopädische Konstruktionen notwendig sind, hat mit der Frage der allgemeinen Tracht gar nichts zu thun.

Wir kämen hier also mit unwiderleglicher Folgerichtigkeit zu dem Schluss: eine durchaus normale Frauenkleidung wird wie jede andere ihren Halt zunächst auf dem Schultergürtel suchen. Erst in zweiter Linie käme zur Not dafür der Rand des Darmbeins in Betracht, dessen Platz jedoch in keiner Weise mit der Stelle der heutigen Taille verwechselt werden darf. An diesen könnte sich mittelst eines breiten Gurts gewisse Unterkleidung, also z. B. Tuchbeinkleider, die hoffentlich bald jeden Unterrock verdrängen, anlegen, während als Obergewand ein nicht zu schweres Kleid dient, das in einem Stück gearbeitet auf den Schultern aufliegt. Ein Gürtel kann dieses raffen, aber in keinem Fall in der Gegend der heutigen Taille.

Besser wäre es, wenn auch die Unterkleidung die immerhin riskante und dazu ganz unnötige und unzweckmässige Stütze der Hüften vermiede und ebenfalls direkt oder indirekt auf den Schultern Halt suchte. Ein Leibchen nach Art der Kinderleibchen könnte z. B. für das Beinkleid zum Anknöpfen dienen. Man darf nicht sagen, dass das auf das alte Korset hinausliefe. Mit demselben Recht könnte man von Hosenträger und Herrenweste dasselbe behaupten. Ein Leibchen mit Trägern, das so lose ist, dass es am Körper hin- und herrutscht und man nicht nur den kleinen Finger, sondern alle beide Arme hineinstecken kann, ist dafür wohl das Beste. Aber natürlich darf es weder fest anliegen noch etwa gar mit Schnürvorrichtung versehen, sondern muss wie eine Herrenweste zum Knöpfen eingerichtet sein.

Dass besonders starke und vielleicht auch ältere Frauen eine Art von Büstenhalter notwendig haben, berührt diese Frage der Tracht eigentlich gar nicht.- Wer zu verhindern wünscht, dass sich die Brüste in der Kleidung zu deutlich. ausprägen, kann dies durch eine um dieselben liegende Binde weit besser, als durch das Korset, dessen Wirkung im Grunde auf das Gegenteil herausläuft. Das mag dann eine Art Bandage, sein, die, ebenfalls von den Schultern gehalten, bis zu den Brüsten herabreicht und diese fest in ihrer Lage hält. Dass es möglich ist, solche gut und vollkommen zu bauen, ist doch selbstverständlich. Verwendete man doch nur den hundertsten Teil der. Mühe darauf, die man dem Korset zuwendet, so wären sie schon vollkommen. Ganz, ohne Sinn wäre es, dieselben bis zur Stelle der bisherigen Taille herabreichen zu lassen, wo doch die Brüste nicht ihren Platz haben, und eben so sinnlos die Behauptung, dieser Büstenhalter müsse unbedingt von unten gestützt werden, anstatt von oben von den Schultern aus herabzureichen. Ein Wundermittel, dicke Leute schlank aussehen zu machen, ist noch nicht gefunden und wird nicht gefunden werden, wenn diese Dicken nicht ein Mittel finden, sich schlank zu machen. Glauben sie, dies durch Zusammenschnüren durch ein Korset zu erreichen, so wird sich durch einen doppelten Misserfolg, der erstens in der schon besprochenen optischen Täuschung und zweitens in dem thatsächlichen Nochdickervverden besteht, diese Sünde rächen.

Allerdings muss die Karrikatur der Frau mit ihren abnorm breiten Hüften einem perversen Geschmack doch wohl gefallen. Es wäre sonst gar nicht zu verstehen, aus welchen Gründen die Sitte aufgekommen ist, sich 5 und 6 Unterröcke auf den Leib zu binden. Dass eine solche Addition nicht allein der Wärme wegen geschieht, ist leicht ersichtlich. Die Männer ziehen doch auch im kältesten Winter nicht 6 Hosen an, sondern sie nehmen wärmere aus dickerem Stoff. So würde es wohl auch für die Frau im kältesten Winter genügen, wenn sie über einer warmen porösen Unterkleidung, wie z. B. dem Kombination, ein genügend starkes Tuchbeinkleid trüge und darüber wieder ein dickes Tuchkleid. Dass erst so ein gutes Fallen der Stoffe möglich wird, ist der hinzutretende ästhetische Vorteil. Mit so und so viel Unterröcken darunter muss jede Kleidung aussehen wie ein formloser Mehlsack. Vielleicht ist in dem Punkte der Kampf kein allzuschwerer, weil in den letzten Jahren die allmächtige Mode gerade einmal „schmale Hüften'' diktierte. Doch ist sie kein zuverlässiger Bundesgenosse, weil sie vielleicht im nächsten Jahre schon ,,recht breite Hüften'' zu diktieren für gut findet. Es giebt Leute, welche aus dem Umstande, dass die Vergangenheit, ja sogar schon die Römerinnen der Dekadence Korsets getragen haben, eine Art von innerer Notwendigkeit desselben herleiten wollen. Mit demselben Rechte könnte man auch Inquisition, Hexenprozesse und Folter weiterempfehlen. Wir wollen uns doch weiter, höher entwickeln und nicht in den Irrtümern des finsteren Mittelalters befangen bleiben.

Dass man zu mancherlei Zeiten zu der natürlichen Idee, die Schultern zu den Trägern des Gewandes zu machen und die Beckenknochen nur zum losen Anlegen desselben zu benutzen, wie von selbst kam, zeigt uns eine grosse Anzahl von Dokumenten. Ich greife aus der Zahl derselben nur einige heraus. Da ist z. B. ein altegyptisches Kostüm (Abb. 101 ), das den Gürtel gut zwei Handbreiten tiefer ansetzt als die heutige Taillengegend. Auch bei vornehmen egyptischen Kostümen (Abb. 102) bleibt das gewahrt, und der breite Gürtel oben bedeutet vielmehr einen Gold schmuck als eine Stütze für das Kleid. In mancherlei orientalischen Kostümen kehrt dies wieder. Ueberall ist der obere Gürtel nur ein Zierrat, keine Kleiderstütze, und hat keinen Einfluss auf den Schnitt des Kleides. Am schönsten und instruktivsten, weil für unser Klima erdacht, sind die Kostüme des 9. bis 13 . Jahrhunderts im Norden (Abb. 106-108). Ueberall treffen wir da auf das Gewand, das durch ein Mieder, das wiederum bis zu den Hüftknochen ging, zusammengerafft wurde. Von der Idee einer Taille ahnte man nichts. Das Kleid hängt auf den Schultern, und der Gürtel legt sich um die Hüftknochen. Man beachte bei diesen Bildern die bei dieser Kleidung entstehenden schönen Umrisslinien und den kräftigen edlen Leib, der sich zwischen Brüsten und Beinansatz entwickelt. Die Bilder sind an sich ja nicht besonders gut; und doch muss man bei ihrer Betrachtung einen wahren Abscheu vor dem jämmerlich verdrückten Leibe unserer Korsetträgerinnen bekommen.

Abb. 101 Abb. 102
 
Abb. 103 Abb. 104 Abb. 105

Solchen, die sich auf die Idee des Gürtels als schönen Schmuck kaprizieren, möchte ich raten, sich doch einmal den vielgenannten „Gürtel der Venusc'' anzusehen, wie man ihn auf antiken und modernen Bildern finden wird. Stets sitzt dieser Schmuck unmittelbar unter dem Busen auf dem Rippenkorb und wurde, damit er nicht herabfiele, weil er ganz lose war, durch Bänder von den Schultern herab gehalten. Die Stelle einer Taille kannte man gar nicht und suchte sie deshalb auch nicht hervorzuheben.

Abb. 106 Abb. 107 Abb. 108

Mein ganzes Buch ist daraufhin aufgebaut, die Vorbedingungen zu einer Reform der Frauenkleidung zu erörtern. Soll ich diesem noch etwas näheres über die Tracht selbst beifügen, so kann es doch nur wieder prinzipielles sein. Dafür, wie diese Tracht nun selber auszubauen ist, kann ich keine direkten Vorlagen geben. Denn das Bestimmen der einzelnen Kostüme selbst kann nur Aufgabe einer Generation, nicht eines Buches sein. Es soll keine Uniform erfunden werden, sondern die Gesetze sollen klar gelegt werden, nach denen ein jeder seine Kleider erfinden oder bestimmen kann.

Manche glauben genug gethan zu haben, wenn sie mit dem direkten Schnüren aufhören oder gar die Kleider lose trägen, glauben aber, die alte Form des Rockes und der Bluse beibehalten zu können. Es geschieht dies aus gutem Grunde: erstens, sie wollen nicht auffallen. Ich kann das wahrhaftig nachfühlen. Zweitens sind Blusen fast die einzig fertig käuflichen Kleidungsstücke, die in ihrer Art immer sitzen. Und doch kann uns Rock und Bluse auf die Dauer nicht die Grundlage einer wirklichen Reform werden. Die Zerlegung der Kleider in Rock und Bluse ist eben entstanden aus der Zerlegung des Körpers durch die Korsetfigur. Ich will nicht behaupten, dass es unmöglich wäre, etwa durch Knöpfvorrichtung, Rock und Bluse so anzufertigen, dass rein hygienisch nichts mehr gegen sie einzuwenden wäre. Aber sie ist deswegen doch das antiquarisch gewordene Banner der Korsetfigur. Wir aber brauchen eine Kleidung, die nicht nur das organische Prinzip des Körpers nicht einfach umstösst, sondern die es sogar betont zum Ausdruck bringt.

Dass man auf die Vorteile und Annehmlichkeiten, die die Bluse mit Recht hatte, durchaus durch Aufgeben der Bluse selbst nicht zu verzichten braucht, darauf komme ich auf Seite 120 zu reden.

Ein Kleid des alten Schlages verliert ohne die Schnürtaille den Charakter. Es ist auf sie hin gebaut. Ein Kleid aus Rock und Bluse ohne Korsetfigur ist ein jämmerlich rasseloses Ding, mit dem nie hohe Schönheit des Kleides vereinigt werden kann. Man wird das noch mehr begreifen, wenn man daran denkt, dass man sich etwa ein Rokokokostüm nicht auf einem schlanken, ebenmässigen griechischen Leibe vorstellen kann.

Die alte Tracht ist auf den Gedanken hin entstanden: eine enge Taille ist schön. Die neue Tracht aber, die der Ausdruck eines neuen erhöhten Menschentums sein will, muss sagen: eine enge Taille ist hässlich. Denn sie zerreisst die Harmonie des Körpers. Schlankheit ist nur dann schön, wenn sie eine ebenmässige Schlankheit des ganzen Körpers bedeutet, nicht die unmotivierte Enge an einer einzigen Stelle, die in keiner Weise weder anatomisch noch ästhetisch begründet ist und nur durch Irrtümer und perversen Geschmack einer Zeit entstanden ist, die hinter uns liegen muss.

Abb. 109 Abb. 110

Abb. 111

Wenn ich hier (Abb. 109-111) einige Bilder nach einem bekleideten, ganz normalen Frauenkörper, der nie ein Korset getragen hat, anführe, so geschieht dies nicht in der Absicht, fertige Mode vorbilder zu geben. Ich möchte es nochmals aufs ausdrücklichste betonen: es sollen in keiner Weise direkte Vorbilder für Kleider-Schnitte sein, sondern sie sind vollständig improvisiert und sollen lediglich dazu dienen, gleichsam die Topographie des. Kleides festzustellen. Ich bitte also ausdrücklich, nicht misszuverstehen.

Das auf den Schultern liegende Gewand wird hier durch eine breite und ganz weiche Schärpe gerafft, die lediglich den Zweck hat, das Gewand am zu Bauschigwerden zu verhindern: Dass sie keine Verengung des Oberkörpers bezweckt, sieht man ohne weiteres.

Man betrachte nun die Figur lediglich als ein Demonstrationsobjekt, um gewisse feste Punkte, die für auszuführende Kleider zum Ausgangspunkt genommen werden müssen, festzulegen.

Die Schärpe begrenzt die beiden Stellen, die für einen Gürtel oder für einen Kleiderabschluss als einzige Möglichkeit in Frage kommen können. Ihr oberer Rand liegt auf der Stelle der alten Empire-taille, die sie von der Antike übernahm (Abb: 112, 113). Ihr unterer Rand dagegen bezeichnet den natürlichem Punkt für den Beginn des Rockes- auf den Hüftknochen, also eine gute Handbreit unter der Stelle der alten Taille.

In den hier folgenden Illustrationen ist ein ausgeführtes Kleid abgebildet, das diesen Gedanken- aufgenommen hat (Abb. 114 bis 116). Das Obergewand, besteh aus einem losen Mieder, wenn man es so nennen will, das- den formen des Körpers folgt und, deshalb keine Taille hat, ganz ausgcsucht das, wofür die Intelligenz unserer Tage das schöne Wort „schlampig'' geprägt hat.

Abb. 112 Abb. 113
 
Abb. 114 Abb. 115
 

Abb. 116
Die sitzende Stellung zeigt, dass auch ein Stauchen dieses Obergewandes infolge seiner Länge nicht eintritt. Ein solches Kleid wäre ganz besonders geschaffen für den Schnitt eines Strassen-, Reise- oder Sportkleides. Allerdings wäre es für kurzbeinige Individuen nicht vorteilhaft, da dann die Kürze des Rockes und die Länge des Oberkörpers sehr stark zum Ausdruck käme.

Man hat von dem bekannten Schönheitsfehler des Weibes, der Kurzbeinigkeit, viel geschrieben und gesprochen. Als erstes wäre dagegen anzuführen, dass gerade besonders schöne Erscheinungen unseres heutigen Frauengeschlechts eine Ausnahme davon machen. Dass ein überwiegender Prozentsatz thatsächlich kurzbeinig ist, beweist eben doch nur, dass die Mehrzahl unseres heutigen Geschlechts nicht schön ist, nicht aber, dass die Frau notwendig ihrer Konstitution nach kurzbeinig sein muss. Mit demselben Rechte könnte man einen Schönheitsfehler der Augen, Nasen, Hälse, Arme u, s. w, konstruieren, aus der Beobachtung, dass unter noo Frauen noch nicht no mit schönen Augen, Nasen, Mündern etc. ausgestattet sind. Dem männlichen Geschlechte würde es nicht besser gehen, wenn man es nach dieser Methode auf seine Schönheit prüfen wollte.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass in einer zufällig (durch welchen Zufall?) schönen Rasse der Schönheitssinn entstünde. Umgekehrt, der Schönheitssinn erzeugt sich die schöne Rasse, Unsere Rasse will immer noch kurz und dick sein, darum ist sie's. —

Kurzbeinige würden besser thun, den oberen Rand unseres Schärpenmodells als Trennungslinie, meinetwegen auch als lose Gürtelanlage zu nehmen, und ihre Erscheinung würde dabei gegen die alte Tracht gewinnen, da durch die vermehrte Rocklänge der Körper länger erscheint. Ebenso ist es Thatsache, dass auch die Kurzen und Dicken ihrer Erscheinung gar nichts Schlimmeres anthun können_ als die Enge einer Taille zu markieren. Man vergleiche die Beobachtungen auf Seite 76. Rein optisch vermehrt auch schon die Farbentrennung in Bluse und Rock den Eindruck der Kürze und Breite, ein möglichst hochansetzendes einfarbiges Gewand, das in langen senkrechten Falten absteigt, macht den Körper länger und schlanker. Deshalb können gerade Kurze und Dicke die Mängel ihrer Körperbildung gar nicht besser ausgleichen, als mit den hier beschriebenen Kleidungsprinzipien.

Ich wiederhole, es liegt hier nicht im Plane, Kleidervorlagen zu geben, besonders da dann gleich Hunderte von Ideen der Ausführung dazukämen. Nur als dritte Möglichkeit will ich an führen, dass auch die Idee der ganzen Schärpe, wie sie das Demonstrationsbild zeigt, sich recht gut verwenden liesse, besonders beim Haus- und Gesellschaftskleid. Welche entzückenden Toiletten sich auf diese drei Möglichkeiten aufbauen lassen, wird einem Jeden einleuchten, der auch nur über ein wenig Phantasie verfügt.

Man wirft Reformkleidungen manchmal vor, dass sie nüchterne Verstandeskonstruktionen und trockene Abstracta ihres Nützlichkeitszweckes seien. Wenn sie das sind, beweist das nur einen Mangel an künstlerischer Gestaltungskraft bei ihren Erfindern. In Wirklichkeit verzichtet die neue Kleidung auf keinen wahren Reiz, der der alten Kleidung eigen war, sondern sie fügt diesen Reizen nur noch die Hauptsache hinzu: den Ausdruck des schönen Körpers.

Dass sie auf keinen realen Vorzug verzichtet, braucht ja kaum noch erwähnt zu werden. Ist doch der ganze Sinn der neuen Kleidung der des endlichen wirklichen Wohlbehagens. Viele Damen empfinden die kühle luftige Einhüllung des Oberkörpers in leicht zu wechselnde Blusen als grosse Annehmlichkeit. Es liegt kein Grund vor, nicht auch bei der neuen Tracht leicht zu wechselnde, kühle, luftige Bekleidungen des Oberkörpers zu tragen. Nur dürfen dieselben nicht die Form der heutigen Bluse annehmen. Frauen verwenden doch sonst beim Ausdenken ihrer Toiletten viel Nachdenken und Geschicklichkeit; ja oft wirkliche Erfindungsgabe. Warum stellen sie sich nur dann so erfindungsarm, wenn es etwas Hergebrachtes zu opfern gilt? Hier nur ein Fingerzeig, wie das Problem schon gelöst worden ist. Man denke sich auf Abb, 115 den Halsausschnitt bis unter die Brust erweitert und die kurzen Aermel des Mieders ganz weggelassen, so dass das Kleid auf schmalen Tragbändern über den Schultern hängt, was nebenbei ein sehr hübsches Schmuckmotiv ergeben kann, wenn man es geschickt gestaltet. Dann können Brust und Arme darunter mit dünnem Stoff bekleidet sein, der leicht zu wechseln ist.

Natürlich muss einem zuvor eine Ahnung von der Schönheit des menschlichen Körpers aufgegangen sein und man muss die „Facon'' der bisherigen Kleidung als etwas sinnloses, schädliches, hässliches und unsittliches erkannt haben.

Um den Unterschied nochmals recht klar zu demonstrieren, zeige ich noch einmal die Umschreibung eines normalen und schönen Körpers neben dem Idealbild der bisherigen Mode, in Gestalt einer Anprobepuppe mit den „Normalmaassen'', wie der Fabrikant aus der Tiefe seiner Erfahrung hinzufügt. Man frage sich einmal ganz ehrlich, welches von Beiden die „schlankere'' Figur ist. Jedem, der nur einen Funken von natürlichem Sinn für menschliche Schönheit, für anmutige Bewegung hat, muss das rechte Bild als der Ausdruck der kompletten Narrheit erscheinen.

Da ich schon einmal in einem Vortrage Erfahrungen über den Grad des Missverstehens gemacht habe, sage ich es hier zum dritten Male: die eigentliche Arbeit, fertige Kostüme zu bilden, kann hier erst einsetzen. Ich will diese Arbeiten der Ausführung

hier nicht lösen. Das, was not thut, ist die Erkenntnis der Vor-bedingungen, wie ich sie hier geschildert habe.


Abb. 117

Abb. 118