V. Ethische bedeutung der Kleiderfrage

Fast ist es unbegreiflich, dass in den dreizehn Jahrhunderten nordischer Kultur noch keine Tracht entstanden ist, die von Vernunft geleitet wäre. Es stehen dieser einfachen Forderung unendliche Vorurteile entgegen, die zwar alle nicht fester als bemalte Pappe sind, aber wirken, als wären's richtige dicke Mauern. Schon die Klarheit darüber, dass die Umgestaltung unserer Frauenkleidung eine im höchsten Grade sittliche Aufgabe ist, fehlt den Meisten. Für viele Leute ist Frauen-Emanzipation, Radfahren, Verein zur Reform der Frauentracht, Rauchen und freie Liebe so ziemlich ein und dasselbe. Darum erschrecken sie, sobald man überhaupt nur an die hergebrachte Tracht rühren will und halten es für gefährlich, der Frage offen ins Gesicht zu schauen und sie vorurteilsfrei durchzudenken. Und doch hängt unser Leben davon ab, dass wir diese Vermengung und Trübung der Begriffe jetzt endlich überwinden.

Ich weiss zu gut, dass sich die hier niedergelegten Anschauungen von heut auf morgen nicht realisieren lassen. Man zeihe mich aber deswegen nicht der Utopien. Wenn unsere Kultur thatsächlich eine Aufwärtsbewegung und nicht einen Niedergang bedeutet, so muss sie diese Ideen aufnehmen und verarbeiten. Es führt kein Umweg um sie herum und auch Kompromisse werden nichts helfen.

Die Frauenkleidung, wie sie sich heute seit 6-700 Jahren gebildet hat, ist ein Armutszeugnis, ja ein hässlicher Fleck unserer Kultur und sie ist unvereinbar mit der geistigen Aufklärung des 20. Jahrhunderts. Diejenigen,. die alt mit ihr geworden sind, werden sich trotzdem nicht mehr von ihr trennen. Aber sie sollten wenigstens das aufwachsende Geschlecht nicht zu ihren Irrtümern anleiten oder gar dazu zwingen. Mit allen Kräften sollte daran gearbeitet werden, Bundesgenossen zu gewinnen. Ich träume manchmal: welche Kulturthat wäre es, wenn eine unserer ganz grossen Modezeitungen einmal das ganze Risiko ihrer Wochenauflage daran setzte und sagte: von heute ab kommt keine Vorlage mehr aus der Redaktion, die nicht der Form eines wahrhaften und unverkümmerten Menschenleibes entspricht. Nicht jene charakterlosen Kompromisse, sondern ein freies Erkennen und Anerkennen der Wahrheit. Möglich, das Blatt verlöre in acht Tagen 90 Prozent seiner Abonnenten. Aber eben so sicher: der Name des Mannes, der das gethan, würde einst mit goldenen Lettern zu denen der Wohlthäter der Menschheit geschrieben werden. Lasse man sich nicht irre machen durch die Behauptung, was bis heut nicht anders geworden, müsse auch in aller Zukunft so bleiben. Nach solcher Logik wäre noch nie eine That vollbracht.

Ausserdem ist es bei uns schon besser geworden durch eifriges Bemühen verhältnismässig ganz weniger Menschen. Die Weiterführung hängt nur von der Intensität unserer weiteren Bemüh ungen ab. Aber wie weit entfernt sind wir noch von einer wirklich organischen Körperauffassung in der Kleidung und vor allem von einer Kultur des Körpers.

Man sehe sich doch einmal um in denjenigen Kreisen, die sich selber immer als Vorbild im Handeln und Thun, als Rückhalt sittlicher Lebensauffassung, als Centrum geistiger Regsamkeit fühlen, unter denjenigen, die wir selbst die „besten Familien" nennen. Ist der Anblick ihrer Mütter und Töchter nicht der reale, Beweis dafür, wie wenig ihnen die Ehrlichkeit und der Drang zur Vollkommenheit in „Fleisch und Blut" übergegangen sind? Ist es dann ein Wunder, wenn in den ärmeren Volksschichten eine Unwissenheit und eine Verkommenheit des Körpers herrscht; von der man sich kaum eine Vorstellung machen kann? Es dauert lange, ehe eine von oben kommende Mode die natürlichen, Widerstände in den unteren Klassen überwunden hat. Hat sie das aber erst einmal, so ist sie dann um so weitgreifender und verheerender. Wir dürfen uns nicht mehr darauf verlassen, im „Volke" einen Fonds von gesunden Körpern zu besitzen, der ersetzen kann, was oben leichtsinnig verdorben wird. Die Verkrüppelungen sind heut dort genau so schlimm wie in unseren Gesellschaftskreisen. Darum ist uns in der herrschenden Frauentracht ein Feind erwachsen, der sich an Gefährlichkeit wohl mit dem Alkohol messen kann, dessen verheerende Wirkung all unsere stolzen Hoffnungen für die Zukunft unseres Geschlechts über den Haufen zu werfen droht, so dass einem Zweifel kommen können, ob die „Kultur der neuen Zeit" sich je vollendet.

Den Trieb zum Alkohol mag man vielleicht noch begreifen, wenn auch nicht entschuldigen; die Selbstzerstörung durch die Kleidung erscheint aber so vollkommen unverständlich, dass es hier notwendig wird, ihren tiefsten Sinn aufzuklären.

Mache man sich nur einmal klar, worin die Abweichungen, die die Frauenkleidung erstrebt, gipfeln. Ich erinnere an das auf Seite 37 u. f. gesagte. Der Grundgedanke, der das Korset geschaffen hat, geht immer auf weit bedeutendere Verbreiterung, Erhöhung, Vorschiebung und dadurch Sichtbarmachung der Brüste aus, als je die Natur es annähernd erstrebte. Selbst ganz junge Mädchen, wenn sie dem Kodex unserer Korsetmoral folgen müssen, suchen unbewusst den Eindruck eines Busens zu erwecken, wie er nicht einmal der nährenden Mutter zukommt. Aber es handelt sich gar nicht darum, die wahre Bestimmung des Organs auszudrücken; vielmehr geht die Korsettracht von dem Gedanken aus, dass der Busen ein Reizmittel für den Mann ist und dazu möglichst gross erscheinen soll. In demselben Sinne bezweckt sie das Hervordrängen der Hüften und Herausdrängen des Unterleibs. Zufällig diktiert im Jahre 1901 die Mode einmal das Zurückdrängen des Unterleibes und schmale Hüften. Das sind die üblichen Schwankungen der Mode, die im Wesen keine Aenderung bringen. Deswegen ist der Sinn doch immer der oben bezeichnete und darum hat das Weib jahrhundertelang alles ertragen.

Aber nun frage ich: ist dieses öffentliche Aufdrängen der Geschlechtsfunktionen hundertfach stärker, als die Natur es will, nicht der Ausdruck von Dirnenhaftigkeit? Natürlich weiss das heut die Frau nicht mehr; wenn es ihr aber gesagt worden ist, dass es der Mann so auffasst, wenn sie es eingesehen hat, dass er es so auffassen muss (vielleicht auch unbewusst), weil sonst der ganze schmerzhafte Apparat zu sinnlos wäre -- schämt sie sich dann nicht so, dass sie es lässt?

Gewiss ist der Busen des Weibes nichts, was von der Kleidung verleugnet und versteckt werden soll. Ihr Körper ist bestimmt; durch seine Schönheit das Begehren des Mannes zu reizen; das Fortbestehen des Menschengeschlechts hängt davon ab, dass er es thut. Aber zwischen Prüderie und dirnenhafter Aufdringlichkeit geht die feine Linie, die die Natur uns weist.

Und dieser vernichtenden Thatsache von der wahren Bedeutung des Korsets gegenüber, giebt es noch Leute, deren Empfinden so von der blöden Gewohnheit abhängig oder so verkommen ist, dass sie eine Kleidung ohne Korset für -- unanständig halten!

Ich kann mir denken, dass ein Mädchen, das all diese Konsequenzen gezogen und durchdacht hat, eher zu dem Entschluss kommt, nicht mehr zu tanzen, wenn man ohne Korset nicht tanzen kann, als des Tanzens wegen das Korset anzuziehen. Es gehört dazu freilich ein selbständiger Kopf, der seine Handlungen nach den Ueberzeugungen seines ethischen Gewissens einrichtet und nicht nach dem „das thut man- oder „das thut man nicht".

Ich weiss, eine Dame, die es wagt, ohne Korsettaille zu gehen, und Stiefel trägt, wie sie ein unverbildeter Fuss fordert, hat ein Märtyrertum durchzumachen. Ganz abgesehen von ihrer Familie, die sie peinigt, ihrer Gesellschaft, die sie boykottiert, muss sie auf der Strasse Spiessruten laufen. Nicht etwa die Schusterjungen, Gott bewahre, Damen drehen sich nach ihr um, stossen sich an, lachen, gucken ihr aufs ungezogenste auf die Füsse und thun alles, um das Aufkommen der Wahrheit zu verhindern.

Glücklicherweise hängt alles von der Gewohnheit ab, und ein Jahr würde genügen, um der Menschheit den Anblick der normalen Kleidung so vertraut zu machen, dass sie die alte Mode verlachen würde. Wie stark man selbst von der Gewohnheit abhängig ist, zeigt mir ein weithergeholtes Beispiel: unsere immer wechselnde Stellungnahme zu der Dicke der pneumatischen Reifen unserer Fahrräder. Als wir noch auf den dünnen Vollgummireifen fuhren und zum ersten Mal den dicken aufgepumpten Luftreifen sahen, sah der zwar sehr weich behaglich aus, aber doch sehr komisch durch seine unförmige Wurstform. Elegant konnte diese Neuerung unmöglich werden. Als wir dann allmählich selbst alle Pneumatiks fuhren, fing die dünne Eleganz der Vollgummireifen an, bedenklich zu werden, ja, man fand ihn schliesslich beschämend unelegant und den dicken das einzig mögliche. Als die Technik nun verbesserte dünne Pneumatiks zu konstruieren begann, fingen einem die eigenen dicken Pneumatiks an, peinlich zu werden, man fand sie plump, unförmig und hässlich etc. etc.!

So rasch ändert sich die Einstellung unserer Augen. Und so käme es sicher nur darauf an, dass man sich einmal ganz kurze Zeit an den Anblick einer Kleidung, die einen höheren Sinn aus drückt, gewöhnte. Ganz rasch vvürden allen die Augen aufgehen für das, was unsere jetzige Kleidung ausdrückt. Man kann nur jeder Frau raten, sich so rasch als möglich diese Erkenntnis zu erwerben und auf dem Wege der Besserung voranzugehen. Ich weiss, dass das Korset damit enden wird, Uniform der Prostitution zu sein: die Zeit ist nicht mehr fern.

Um aber nicht missverstanden zu werden, machte ich noch einmal betonen, dass es sich nicht darum handelt, eine neue Mode einzuführen, die als solche nicht länger leben würde, als Moden eben leben. Was uns not thut, ist das natürliche Gefühl für den Körper. Erworben wird es bei seiner Pflege. Dabei lernt man ihn nicht nur kennen, sondern lebendig empfinden. Kann ein Mensch, der dem Bade entsteigt, gereinigt, erfrischt, in allen Gliedern von jenem unendlichen Wohlgefühl durchströmt, das den Körper schwellt und das Leben jedes Teilchens seinem Bewusstsein fühlbar macht -- kann der es über sich bringen, dieses Wohlgefühl durch beengende zwängende Kleider zu zerstören? Wird er auch nur den Wunsch haben, es zu thun, wenn er seine Kraft in Arbeit oder Spiel, in Rennen, Laufen, Schwimmen, Reiten, Turnen oder Fechten oder was es nun sei, geübt und dabei empfunden hat, dass seine Glieder so, wie sie sind, gut, dass sie so schön sind? Es wird ihn quälen, wenn dies in seiner Kleidung nicht zum Ausdruck kommt.

Das ist nicht Eitelkeit. Freude am eigenen Körper ist ein sehr gesunder und vornehmer Sinn, der absolut für eine Existenz notwendig ist, die sich höher entwickeln will.

Ihm gegenüber steht das lebensfeindliche Prinzip des Asketen, der seinen Körper hasst, weil er sich seiner schämt.

Eitelkeit ist nur das Glänzenwollen mit etwas Unwahrem. Das Fehlen dieser gesunden und menschlichen Gefühle ist eben der Grund, weshalb sich noch keine Kleidung entwickelt hat, die einer höher entwickelten Menschlichkeit entspricht. Viele betreiben Reinlichkeit und Körperpflege noch als eine unangenehme, lästige Pflicht. Es soll gute Familien geben, in denen es nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehört, täglich zu baden oder doch den ganzen Körper sorgfältig zu waschen. Es ist unausbleiblich, dass jemand, der das Interesse für die Formen seines Körpers durch das Interesse für die Oberfläche seiner Kleidung ersetzt, nicht mehr das zwingende Bedürfnis hat, im beständigen Gefühl tadelloser körperlicher Reine umher zu gehen.

Es ist ja sicher, dass sich nicht immer jede Entstellung des Körpers, durch anormale Fettansammlungen zum Beispiel, verhindern lässt. Aber man hat sich doch zu sehr gewöhnt, solche als Schicksale eines gewissen Alters zu betrachten und hinzunehmen. Gerade wir, die wir absolut den Körper als Werk des Geistes betrachten, müssen der Ueberzeugung sein, dass das Dickwerden der Leute seinen tiefer sitzenden geistigen Grund hat. Der Ort verkörperter Leibespflege ist heute fast nur der Speisesaal. Aber wen begleitet der Wille zur Gesundheit, wenn er sich zu Tisch setzt? Man sehe sich ein offizielles Diner an; sehen die Menschen, die von Tische aufstehen, kräftiger, wohler aus oder nicht viel mehr erhitzt, aufgeregt? Sieht man ihnen nicht an, dass darauf eine Reaktion von Schlaffheit folgen muss?

Ist es nicht ein beschämender Zustand, dass unsere Frauen in den besten Jahren schon so bewegungslos, so hilflos geworden sind, dass ihnen jede geschmeidige und kraftvolle Beherrschung ihres Körpers verloren gegangen ist, so dass uns eine Ausnahme davon als etwas ganz besonders rühmliches und merkwürdiges erscheint? oder irre ich mich, wenn ich sehe, wie Damen von vierzig oder fünfzig Jahren wie Frachtkolli in die Pferdebahn verladen werden und sich in jeder Situation, die die Verwendung der Glieder zu ihrem Zweck erfordert, nicht zu raten wissen?

Das kann nicht anders werden, so lange wir nicht lernen, dass es eine Sünde ist, den Leib zu misshandeln, genau in demselben Sinne, wie wir eine Misshandlung unserer sittlichen Gefühle als Sünde betrachten, und dass die Pflicht, ihn zu pflegen und zu veredeln, nicht geringer ist, als die Pflicht, das, was wir, Seelisches nennen, zu veredeln. Denn beides ist nicht zu trennen, Man sehe sich doch nur einmal den Typus jener Unglücklichen an, deren verdrückter, verschobener, verschrobener; verbogener, angeschwollener, knifflicher, zu früh verfallener Leib in seiner Hülle kaum noch an einen Menschenleib erinnert, um zu verstehen, wie verdrückt, verschoben, verschroben, verbogen; angeschwollen und knifflich auch die Gedanken dieses Leibes sein müssen. Wir werden darauf kommen, manche Krankheiten als eine Schande zu betrachten; alle die durch Mangel an Reinheit, Essen und Trinken, das über das Bedürfnis der Ernährung hinausgeht, durch gewaltsame Entstellung, wenn auch nur der ästhetischen Form, durch Versäumnis der Ausbildung durch Gebrauch, durch jeden Missbrauch des Körpers und der ihm zugänglichen Lüste entständen sind.

Im körperlichen Gewissen ist der Grundstein aller Sittlichkeit.

Es ist eine bis zum Ueberdruss wiederholte Behauptung, dass; Kultur den Menschen geschwächt hätte und sie ihn immer weiter herunterbrächte. " Es ist eines jener oberflächlichen Schlagworte geworden, die jeder gern nachredet, ohne sich je die Mühe zu machen, sie einmal genau zu untersuchen. Geben wir ruhig zu. die Menschheit sei körperlich schwächer geworden, auch dass die Menschheit weiter am Kulturausbau thätig gewesen ist, wird man nicht ableugnen können. Wir sind es gewohnt, ohne weiteres die dekadenten Erscheinungen als Folge der Kultur zu bezeichnen. Aber wie kann man Kultur das nennen, wag den absteigenden, selbstzerstörenden Trieben und Leidenschaften dient? Kultur ist, was nach oben führt, und ich meine, die Menschheit sei bis heut ein gut Stück dieses Weges gegangen. Dass gleichzeitig mit dem Aufgang ein Niedergang sichtbar ist, beweist nur, dass nicht alle Individuen und alle Rassen veranlagt sind, an dem Aufstieg teilzunehmen. Auf wieviel ausgestreute tausend Samenkörner kommt einmal eines, das sich zum Baum entwickelt? Kann man daraus folgern, dass Samenkörner sich nicht zum Baum entwickelten?

Kultur heisst Pflege, die Pflege, die der menschliche Geist der Erde, ihren Geschöpfen, ihren Gewächsen und den Kräften, die die Oberfläche der Erde verändern, angedeihen lässt. Liegt darin nicht der ganze Sinn der Menschheit? Sind die herrlichen Geistesblüten, die sie hervorgebracht, nicht die animalische Kraft des Löwen wert, die uns fehlt?

Soviel ist richtig, dass es die Kultur ist, die uns körperliche Arbeit vereinfacht und Muskelanstrengung abnimmt, die uns zuerst einen starken Körper entwickelt haben. Aber ist es Kultur, das, was die Notwendigkeit gebildet hat, verfallen zu lassen? Wäre es nicht vielmehr Kultur, die in Arbeit und Kampf ums Dasein erworbene Körperstärke, wenn dies Ringen um die Existenz andere Formen angenommen hat, zur Entfaltung von Schönheit und Glück zu entwickeln?

Sind Alkohol, Nikotin, Korset, epidemische Krankheiten, widerwärtiges Zusammenpferchen in enge Gassen; Verbrauch der Menschen als Arbeitssklaven -- sind das Folgen von Pflege? Sind es auch nur notwendige Begleiterscheinungen von Kultur? Nein, es sind barbarische Rückstände, die noch darin stecken in den Werken unserer Kultur und die nur erhöhte Kultur vertreiben kann. Weil sie, mit den gewaltigen Kraftmitteln der Kultur arbeitend, so gefährlich werden, sind es doch noch nicht die Werke unserer Kultur, die gefährlich würden.

Das ist keine unnütze Begriffsspalterei, sondern notwendige Erkenntnis, um jene Vorwürfe gegen die Kultur zu entkräften, mit denen ihr Fortschreiten beständig gehemmt wird. Es ist die Zukunftsfrage des Menschen geworden, ob die Kultur noch rechtzeitig über diese Rückstände Herr wird, ehe die aufwärts treibende Kulturkraft durch sie verzehrt ist.

Darum sind die hier erörterten Fragen, die mancher für An- gelegenheiten des ästhetisierenden Geschmacks halten mag, so unendlich lebenswichtig. So lange der Mensch mit Klima, Natur und wilden Tieren schwer zu ringen hatte, fand er von selbst die schlichte Nützlichkeitsform seiner Kleidung. Als es ihm auf der Erde behaglicher geworden war, fand er die Zeit, seine Triebe in freiem Spiel an dem auszulassen, was vorher von der eisernen Notwendigkeit der Selbsterhaltung bestimmt wurde. Sein Verstand war und ist noch oft ein recht dummer Kerl, der das komplizierte Gefüge aller Nützlichkeiten und Notwendigkeiten, die die Kleidung des Menschen bestimmen sollen, noch nicht übersehen konnte. Und oft, wenn er glaubte, etwas ganz Gescheites gemacht zu haben, wars ein böser Missgriff.

Und darüber hat er ganz auf eines verzichtet, was ihm gerade in diesen Fragen der beste Ratgeber und Regulator sein könnte: das Gewissen seiner Augen. Die hat er ja mitbekommen zu dem Zweck, das, was der Verstand mühsam als nützlich und schädlich nachrechnet, in einem Anschauen als schön und hässlich zu begreifen. Darum soll das Anschauungsmaterial meines Buches das eigentlich Ueberzeugende sein. Wir müssen unsere Augen eben so erziehen, dass ihnen Schön und Hässlich nichts anderes mehr ist, als Gut und Böse. Dann kann die Ueberzeugung unserer Augen uns das Maass aller Sitt- lichkeit sein.

Schliesse man nach der Lektüre dieses Buches sein Urteil auf den einfachen Widerspruch hin nicht ab. Lasse man die zwingenden Argumente auf sich wirken und prüfe, ob der Widerspruch im Grunde nicht nur eine Art Abhängigkeit und Anhänglichkeit von überkommenen Vorurteilen ist, die bei ehrlicher Prüfung schwinden müssen. Aber Ehrlichkeit gegen sich selbst ist notwendig, denn unser Kampf ist der Kampf der Wahrheit gegen die Lüge, nicht der einer neuen Mode gegen eine alte Mode. Wer sich uns als Bundesgenosse anschliessen will, muss das zuvor erkannt haben.