Vorwort

Der Zweck dieses Buches ist, den möglichst umfassenden Beweis für die Behauptung zu geben, dass die Grundprinzipien unserer gesamten weiblichen Kleidung in ihren hygienischen, ana tomischen, ästhetischen und ethischen Beziehungen sich auf falschen Anschauungen aufbauen, und auf die Perspektive hinzuweisen, die sich uns durch die Erkenntnis der thatsächlich hier in Frage kommenden, natürlich gegebenen Bedingungen eröffnet. Die Notwendigkeit dieses Beweises, die natürlichen Voraussetzungen und Bedingungen, sowie die Perspektive sind für die bei weitem meisten Menschen etwas so durchaus Neues und gänzlich Unbekanntes, dass der Nachweis in einer anscheinend ziemlich weitschweifigen Weise geführt werden muss, um den der Materie Fernstehenden zu überzeugen.

Die Zahl derer, die alle hier in Frage kommenden Punkte richtig erkannt und sie in den richtigen Zusammenhang zu bringen gewusst haben, ist unendlich klein. Das Buch wirft deshalb so ziemlich alles um, was man bisher bei der weiblichen Kleidung als das Landläufige annahm und deshalb als „das Normale'' bezeichnete. Es ist eine ganz allgemein logische Thatsache, dass Norm und Durchschnitt nicht identische Begriffe sind, obwohl sie oft fälschlich als solche verwendet werden. In unserem speziellen Fall hat der Durchschnitt überhaupt jeglichen Zusammenhang mit der Norm im Sinne von: Vorbild der Vollkommenheit verloren. Im Buche ist das Wort normal immer nur in diesem, niemals in dem landläufigen Sinne: „durchschnittlich'' verwendet. Man darf also meine Beweisführung, die auf der Norm basiert, nicht mit den Thatsachen des Durchschnitts widerlegen wollen. Der Beweis wird erbracht werden, dass dieser Durchschnitt zwar durchaus den Zuständen bei einer erdrückenden Majorität; nicht aber den eines hochstehenden Kulturvolkes würdigen ent- spricht.

Diese Behauptung muss für die Meisten eine zu überraschende sein, um ohne weiteres gläubig hingenommen zu werden. Ich werde Schritt für Schritt den Nachweis für ihre Richtigkeit führen und wenn man mir in der Kette dieser Entwickelung keine unrichtige Folgerung nachweisen kann, wird man mir auch das Resumé, das ich daraus ziehe, zugeben müssen. Es giebt zwar auch Leute, welche zugeben, dass a -- b, 6 = c, c = d, d =e ist, sich aber nicht dazu verstehen können, anzuerkennen', dass deshalb a = e sein muss. Das ist die Methode, mit der seit Jahrhunderten die Menschheit mit Erbitterung für ihre Irrtümer kämpft. Wer mir vorwirft, ich; käme zu allzuextremen Schlussfolgerungen, muss diese Behauptung auf den exakten Beweis stützen, wo meine sachlichen Voraussetzungen Irrtümer oderFehler aufweisen. Es kann ja gar nicht fehlen, dass auch hier wie überall das Urteil aller lahmen Seelen sagt: das Buch enthält ja Manches Richtige, aber der Verfasser geht doch viel zu weit. Die Voraussetzungen zugeben, die Schlussfolgerungen aber nicht ziehen wollen, kann nur Unverstand oder böser Wille sein.

Das Buch teilt sich von selbst in zwei Teile: den ersten, der die Voraussetzung, den weiblichen Körper, in seinen bei der Kleidung in Frage kommenden Beziehungen behandelt, den zweiten, der die Schlussfolgerungen auf die Kleidung zieht. Der Grund, weshalb der erste Teil so umfangreich werden musste, ist im Laufe des Textes genügend erklärt.

Die anatomischen Details habe ich so eingehend zu beschreiben versucht, als es möglich war, ohne die Lesbarkeit des Buches zu erschweren. Ich würde in dem Erschweren dieser Lesbarkeit einen Fehler sehen, denn das Buch muss durchaus von Anfang bis zu Ende gelesen werden, um seinem Zwecke zu dienen: dem Werben für die darin ausgesprochenen natürlichen Ideen.

Ein amüsantes Bilderbuch soll es nicht sein. Ich habe dem Buche die Illustrationen beigegeben, die unentbehrlich waren, um jene plastischen Anschauungen zu erzeugen, die zum Aufbau ganz neuer Ideen vom Körper und mithin von der Kleidung notwendig sind. Der sprachliche Beweis für solche Thatsachen würde erstens nicht überzeugen und zweitens keine praktischen Wirkungen erzwingen. Die grosse Fülle von Bildern, die anscheinend immer wieder dasselbe beweisen, sind mit überlegter Absicht ausgewählt, nicht um immer wieder denselben Beweis zu erbringen, sondern um die an die Entstellung des Körpers durch unsere übliche Tracht gewöhnten Augen durch immer neue Bilder zur anschaulichen Erkenntnis der wahren Form des Körpers. zu erziehen. Ich habe dabei wie schon in verschiedenen anderen Schriften, das System angewendet, Beispiel und Gegenbeispiel direkt nebeneinander zu setzen, um das blosse Betrachten zum logischen Schauen zu steigern.

Da es sich hier um vorwiegend weibliche Körper handelt, wird. von oberflächlichen Beurteilern, die den sittlichen Ernst der Frage nicht zu erfassen vermögen, das Buch in die Klasse der auf die Lüsternheit spekulierenden Schriften gerechnet werden. Ich werde das ertragen müssen.

Die Schuld dafür kann ich müssen, unserer landläufigen niedrigen Auffassung sexueller Dinge beimessen. Dass das Weibliche auf das Männliche sexuell wirkt und das schöne Weibliche besonders stark, das ist genau so notwendig und natürlich, als dass der Apfelbaum blüht und die Blumen mit ihrem Dufte die Luft schwängern. Hier offenbart sich uns eins der Wunder der Natur, die seltsam, gross und herrlich sind, und die uns heilig sein sollten; aber zu verbergen und zu schämen ist nichts dabei.

Dies jedoch nur nebenbei. Es handelt sich hier um eine wissenschaftliche und ästhetische Betrachtung des weiblichen Körpers, und wenn dabei der Einzelne das Sexuelle aus seiner Empfindung nicht auszuschalten vermag, so ist es doch nur eine zufällige Begleiterscheinung, auf die es bei der Gestaltung des Problems nicht ankam.

Dass im Verlauf des ganzen Buches so gut wie keine direkten Vorbilder für Kleider gegeben werden, wird im Texte seine Erklärung finden. Wer dem Buch deswegen Unbestimmtheit seiner Vorschläge vorwirft, wird zeigen, dass er es nicht gelesen hat.
Rom, 15. Juni 1901

PAUL SCHULTZE-NAUMBURG

Aufgabe des Buches